Deutsche interessieren sich nur noch wenig für Wirtschaft und Geldanlage, stattdessen stehen nun Klima-Themen im Vordergrund.

Noch vor zwei Jahren interessierte sich fast jeder zweite Deutsche stark für Wirtschafts- und Finanzthemen.

Geradezu schockierend: Inzwischen verweigert sich fast jeder Dritte solchen Fragen komplett. Demnach gaben 31 Prozent der Befragten an, ein persönliches Interesse an Wirtschafts- und Finanzthemen sei „kaum“ oder „gar nicht“ vorhanden. Zum Vergleich: Der bisherige Verweigerer-Höchstwert stammt laut Berichten aus dem Jahr 2014: Damals lag er bei 20 Prozent.

Debatte um Klimawandel überlagert Finanzthemen

„Die immer noch sehr gute Arbeitsmarktlage und die rasante Entwicklung der Einkommen sprechen dafür, dass sich die Deutschen wenig Sorgen um ihre wirtschaftliche Situation machen“, erklärte Galina Kolev vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Die Expertin für Gesamtwirtschaftliche Analysen und Konjunktur weist außerdem darauf hin, dass neue Megathemen die öffentliche Debatte dominieren würden. Fragen zu Geld und Wirtschaft, wo seit einigen Jahren scheinbar alles glatt verläuft, werden quasi überlagert von der Debatte um den Klimawandel und das Wohl unseres Planeten. „Die Herausforderungen von Umwelt- und Klimapolitik sind enorm, und sie sind immer mehr ein Thema in der Bevölkerung“, so Kolev.

Klimathemen erscheinen den Deutschen momentan wichtiger als ihre persönlichen Finanzen, Vermögensaufbau, oder die Alterssicherung.

Die wirtschaftlichen Risiken haben sich jedoch in Deutschland verdichtet

Dabei mehren sich längst die Zeichen, dass auch Deutschland auf neue wirtschaftliche Herausforderungen zusteuert. „Die Risiken haben sich zuletzt verdichtet. Brexit, Handelsstreit mit den USA, China – die globale wirtschaftliche Dynamik hat spürbar an Tempo verloren, und wir merken es bereits seit mehreren Monaten auch in Deutschland“, so Kolev weiter.

Die Exporterwartungen genauso wie die Entwicklung des Welthandels seien so schwach wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr. „Gegeben, dass 11,2 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland am Export hängen, müsste die Exportentwicklung die Leute in Deutschland beschäftigen“, mahnt die IW-Expertin gegenüber der „Welt“.

Sparern droht böses Erwachen

Die konkreten Folgen sind nämlich jetzt schon absehbar. Unternehmen könnten beispielsweise wieder vermehrt auf Zeitarbeit setzen, wie sie das zuletzt in der Finanzkrise taten. „Die konjunkturelle Abschwächung hinterlässt allmählich ihre Spuren auf dem Arbeitsmarkt“, sagte Ifo-Experte Timo Wollmershäuser der „Welt“.

Mit ihrer ausgeprägten Vorliebe zum Sparen trifft es die Deutschen schon seit Jahren an einer weiteren sensiblen Stelle: Die niedrigen Zinsen reichen nicht einmal mehr aus, das eigene Geld vor der Inflation zu retten. Die Europäische Zentralbank, die diese Entwicklung mit der Festsetzung der Leitzinsen verursacht, sendet keinerlei Signale, dass sich daran etwas ändern wird.

Die Sparer trifft es besondrs hart. Sie bekommen voraussichtlich im Jahr 2020 noch weniger Zinsen.

Im Gegenteil: Die Notenbanker um den Italiener Mario Draghi gehen davon aus, dass die Zinsen mindestens über die erste Hälfte des Jahres 2020 auf ihrem aktuellen Niveau oder „darunter“ bleiben werden, erklärten sie jüngst. Mit anderen Worten: Es droht eine weitere Lockerung der EZB-Geldpolitik – und eine noch härtere Bestrafung aller Sparer.

Börse bleibt für viele Deutsche ein rotes Tuch

Umso größer erscheint die Notwendigkeit, sich Gedanken zur eigenen finanziellen Zukunft zu machen. Für die Beschäftigung mit Geldfragen gab es zuletzt auch positive Anreize: So kletterte der deutsche Leitindex Dax seit Beginn des Jahres um gut 1000 Punkte oder rund 10 Prozent nach oben. Wer wollte an einer solchen Entwicklung nicht teilhaben?

Trotzdem bleibt gerade das Thema Börse ein rotes Tuch – für immer mehr Menschen hierzulande. So erklärten laut Umfrage des Bankenverbands 39 Prozent, dass sie von Börse „keine Ahnung“ haben. Vor zwei Jahren sagten dies lediglich 27 Prozent. Der Anteil der Männer, die sich selbst als ahnungslos einschätzen, ist mit 38 Prozent inzwischen fast genauso groß wie der der Frauen (40 Prozent).

Zwei von drei Deutschen finden Geldanlage zu kompliziert

Dabei ist es gerade jetzt angesagt, sich auf schlechtere Zeiten vorzubereiten. „Man kann die Bundesbürger nur ermutigen, sich aktiv um ihre Finanzplanung zu kümmern – und in Aktien zu investieren und sich von den anhaltenden Niedrigzinsen nicht demoralisieren zu lassen“, mahnte Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, gegenüber der „Welt“.

Tatsächlich gehören Aktien nachweislich zu den langfristig rentabelsten Anlagen. Die Banken, die mit dem Kauf und Verkauf von Wertpapieren selbst Geld verdienen, haben mit ihrer Empfehlung trotzdem einen schweren Stand, wie ihre Umfrage weiter zeigt: Geldanlage und Bankgeschäfte halten 65 Prozent heute für so kompliziert, dass sie vieles nicht verstehen.

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